Sonntag, 16. April 2017

Johann Georg Gichtel, Elisabeth zu Herford, Radikalpietismus


Daß Innerste meines Hertzens mittheilen“



Herford nimmt in der frühneuzeitlichen Religionsgeschichte als Bezugspunkt heterodoxer, von der offiziellen kirchlichen Lehre abweichender, Religionsgemeinschaften eine exponierte Stellung ein. Zwar bezieht sich dies auf den relativ kurzen Zeitraum der Regierungszeit der Pfalzgräfin Elisabeth, doch die Ereignisse um Labadisten, Radikalpietisten und Quäker haben immer wieder die Forschung stimuliert. Erst jüngst wurde in einer geschichtswissenschaftlichen Dissertation die Position der Äbtissin, neben Franciscus Mercurius van Helmont und Benjamin Furley, als „Maklerfigur“ zwischen Konfessionen und religiös-heterodoxen Bewegungen charakterisiert (1).
Das Quäkertum war die wichtigste Religionsgemeinschaft der Frühen Neuzeit, die in Deutschland von außen kommend Fuß fasste. Zahlreiche Herrscher und kirchliche Würdenträger wurden gezielt von England aus aufgesucht, in Norddeutschland entstanden an verschiedenen Orten Quäkergemeinden, die in ein internationales transatlantisches Netzwerk dieser Religionsgemeinschaft eingebunden waren. Die Reaktion der Obrigkeit war differenziert, es gab Beispiele brutaler Verfolgung, und, wie hier, Beispiele bemerkenswerter Toleranz.
Im hiesigen Beitrag wird es um die interdependenten Beziehungen zwischen der Äbtissin einerseits, den Quäkern und dem Radikalpietisten Gichtel andererseits gehen. Es kann gezeigt werden, dass der Reise der Quäker nach Herford von 1677 weitere, weniger bekannte, Besuche vorausgingen, und das diese Reisen Folgen hatten, weit über Herford hinaus. An Gichtel, der 1677 ebenfalls mit Quäkern persönlich zusammentraf, zeigt sich, dass pietistisch gesinnte Persönlichkeiten über Konfessionsgrenzen hinweg miteinander kommunizierten, da es in solchen Kreisen nicht primär um Mission, sondern um eine biblisch zentrierte Lebensausrichtung und Lebensführung ging.


(1) Sünne Juterczenka: Über Gott und die Welt. Endzeitvisionen, Reformdebatten und die europäische Quäkermission in der Frühen Neuzeit. Göttingen 2008, S.140-146 (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte 143). Ein entscheidender Unterschied zwischen der Äbtissin und den anderen beiden Personen ist freilich, dass sie nicht den Quäkern angehörten.


aus: Historisches Jahrbuch für den Kreis Herford, 16, 2009, S. 203-220.

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